Filmkassette

1977 hatte Werner Graeff mit den beiden Filmprojekten von 1922 eine Leinenkassette gestaltet, die er in einer Stückzahl von 100 auflegen wollte. Realisiert wurden jedoch nur einige wenige davon, die auch mittlerweile sämtlich verkauft sind.

In jeder Kassette liegen seine zwei abstrakten Filme als 16mm- oder S8mm-Kopien vor, wie er sie 1958 und 1977 nach den Originalvorlagen realisiert hatte, Siebdrucke der beiden Filmpartituren sowie eine Erläuterung Graeffs. Filme, Siebdrucke und Erläuterung sind von Werner Graeff numeriert und signiert.

Inhalt einer Kassette:

Komposition I/1922 (Farbfilm, 16mm, 2:03 Minuten)
Komposition II/1922 (Schwarzweißfilm, 16mm, 2:02 Minuten)
Filmpartitur Komp. I/22 (Siebdruck, 10 x 124 cm)
Filmpartitur Komp. II/22 (Siebdruck, 10 x 124 cm)

in schwarzer Leinenkassette
mit einer Erläuterung des Autors
(Text siehe nächste Seite)
numeriert und vom Autor signiert
Gesamtauflage: 100 Stück
(davon wurden nur einige wenige realisiert)


Ausschnitt aus Komp. I/22, 1922

Ausschnitt aus Komp. II/22, 1922



Werner Graeff:

Zu meinen Filmkompositionen

Die Filmentwürfe von Viking Eggeling und Hans Richter waren bei den ersten praktischen Proben (1920-22) für diese abstrakten Maler durchaus enttäuschend. Das ist nicht verwunderlich, da beide Künstler anfangs der zwanziger Jahre filmtechnisch noch reine Laien waren. Ihre Rollenbilder, die sie "Filmpartituren" nannten, waren als Vorlage für Trickfilmoperateure viel zu kompliziert; die Gegebenheiten der Kinoapparatur waren nicht berücksichtigt, vor allem gaben sie über den gedachten Ablauf der Bewegungen, über Tempo und Rhythmus keinerlei Auskunft. In diesem Sinne waren es keine "Partituren".

Radikale Vereinfachung schien mir geboten. Ich war der Meinung, der Entwurf sollte die kinotechnischen Voraussetzungen (wie Bildformat, Zeitmaß, Bewegungsrichtung) berücksichtigen, und ich hielt daher die Entwicklung einer Art Notenschrift für zweckdienlich, mit der sich die Vorstellungen des Künstlers von den Formen und den Bewegungsabläufen möglichst genau fixieren lassen.

Um zu zeigen, wie ich mir dergleichen vorstellte, entwarf ich 1922 die sogenannten Filmpartituren I/22 und II/22.

Hier sollte jeweils nur eine einzige Figur auf schwarzem Grund erscheinen. Als Zeiteinheit oder Takt nahm ich für meine Kompositionen dreiviertel Sekunden an, dargestellt durch die horizontale Länge des schwarzen Feldes vom Seitenverhältnis achtzehn zu vierundzwanzig. Ein Feld doppelter Länge bedeutet einen Zeitablauf doppelter Dauer (anderthalb Sekunden), Türmung in vertikaler Richtung bedeutet, daß das Einzelbild z.B. ein Drittel oder die Hälfte der Zeiteinheit dauern soll und so fort. Ein total schwarzes Feld gibt natürlich eine Dunkelpause entsprechender Dauer an.

Die in diagonaler Richtung zum Mittelpunkt des weißen Quadrates führende Linie (bei der Komposition II) will besagen, daß ein in voller Größe erscheinendes Quadrat sofort rapide kleiner wird bis zum Nullpunkt, und zwar gemäß einer geometrischen Reihe (Verkleinerung der Form in einer Folge wie z.B. 64 - 32 - 16 - 8 - 4 - 2 - 1 - 1/2...), wodurch eine wirkungsvolle Perspektive und suggestive Tiefenwirkung entsteht. Mein Entwurf I/22 betraf einen abstrakten Film mit Farbeffekten. Hier wären Filmstreifen verschiedener Länge in je einer Farbe einzufärben - "Virage" nannten die Filmtechniker das damals - und aneinanderzustückeln (Farbfilm gab es damals noch nicht). Mein Entwurf II/22 zielte auf einen abstrakten Schwarzweißfilm. Die entsprechende Partitur samt genauer Erläuterung erschien im Maiheft 1923 der Avantgardezeitschrift "De Stijl" und wurde oft nachgedruckt. Beide Partituren haben die gleiche Zeitordnung und Darstellungsart. Praktisch ausführen lassen konnte ich diese Filmstücke anfangs der zwanziger Jahre (Inflationszeit!) nicht.

Beide wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg, aber genau gemäß den alten Partituren ausgeführt, nur wurde für die Komposition I anstelle der damals vorgesehenen umständlichen "Virage" Farbfilm verwendet.

Werner Graeff, November 1977, Mülheim an der Ruhr
(Textbeilage der Kassette, 1977)

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