Konstruktion und Gestaltung

Werner Graeff:

industrielle bauweisen

Die Widerstände gegen das Prinzip der industriellen Bauweise werden auf die Dauer nichts nützen: Sie wird sich durchsetzen, wie sich auf allen Gebieten des gewerblichen Lebens Maschinenarbeit gegenüber handwerksmässigem Schaffen durchgesetzt hat. Die ungeheure Wohnungsnot und der Kapitalmangel werden an ihrem Teil beitragen.
Dass nur eine radikale Verbilligung des Wohnungsbaus helfen kann, wird allgemein gern anerkannt; aber man sträubt sich gegen neue Methoden, soweit sie zu grundneuen Formen führen, und das ist naturgemäss unerlässliche Folge neuer Konstruktion und neuartigen Materials! Noch stampft man Betonhäuser von tunlichst hausteinmäßiger Gestaltung, noch bewirft man Stahlblechbauten mit Mörtel, bis sie von den althergebrachten verputzten Backsteinhäusern nicht zu unterscheiden sind, und dabei war der Aussenputz von jeher gern als schäbige Attrappe für Hausteinmauerwerk ausgeführt.
Die Angst vor der neuen Form, die Unehrlichkeit, die Unfähigkeit, hat also bei jenen Stahlhäusern dazu geführt, dass wir nun Attrappen von Attrappen haben.
So allerdings kommen wir nicht vorwärts. Ist es dann noch verwunderlich, wenn der Rohbau nur um 10 oder 30% verbilligt wird? dass er vielfach den Qualitäten des alten Backsteinbaus nicht gleichkommt? Man gebe die Widerstände gegen die neue materialgerechte Erscheinung auf: Das führt nicht nur zur Verbilligung (durch die Vereinfachung, durch das Fortfallen alles Kaschierenden) sondern auch zur Hebung der Qualität des Gebäudes und des Gebrauchswerts der Wohnung, da man bei konsequenter Nachahmung alter Formen auch mit neuem Material die Grenzen des Veralteten einhalten muss.
Uebrigens hat man bis vor wenigen Monaten gar nicht versucht, neues Baumaterial elementar zu gestalten; man schuf Ersatz für Uebliches, anstatt die Aufgabe aus ihren eigentlichen Elementen zu begreifen. Elementar lauten sie: "Es ist ein Baumaterial zu finden, das sich technisch herstellen und industriell verwenden lässt, das fest, witterungsbeständig, schall- und wärmesicher ist. Es wird ein leichtes Material sein müssen, dessen Verarbeitung eine Industrialisierung nicht nur zulässt, sondern erfordert." (Mies van der Rohe, in "G" Nr. 3, Berlin, Juni 1924). Das ist eine Aufgabe für Ingenieure und Chemiker.
Die Gegner des Industriellen Bauens wenden oft gern ein, dass selbst eine wesentliche Verbilligung des Mauerwerks nicht allzu ernst genommen werden könne, da die Kosten des Rohmauerwerks ja nur ca. 20% der Gesamtkosten des Hauses darstellen. Man hat auch hier wieder die Vorstellung des Ersatzes, nicht eines elementaren Konstruierens, das in absehbarer Zeit dazu führen wird, dass die Arbeit nicht nur des alten Maurers, auch des Zimmermanns, des Dachdeckers, des Klempners, des Stukateurs, überflüssig wird, dass z.B. von einem Dach im herkömmlichen Sinn gar nicht mehr geredet werden kann. Im übrigen muss natürlich wie der Rohbau, so auch der Ausbau des Hauses mitsamt allen Teilen der Einrichtung verbilligt werden. Das ist, wie wohl allgemein angenommen wird, Frage eines geschickten Grundrisses.
Nicht allein! Eine ganz wesentliche Verbilligung z.B. der Installation von Wasser, Gas, Kanalisation, Strom, Telefon, Radio, wird nur dadurch möglich, dass das Bauen nicht länger handwerklich, sondern ingenieur-mässig betrieben wird. Es ist leicht einzusehen, dass das jetzt übliche Verfahren unrationell ist, wo ein Handwerker die Arbeit des vorigen verrichtet, wenn er seine Leitungen legt etc. Heizungstechniker, Arbeiter des Wasser-Gas-Elektrizitätswerks, der Post, vernichten nacheinander die saubere Arbeit des Maurers oder des Stukateurs, oder des Malers, und wenn die Schäden so gut wie möglich geheilt sind, so kommt ein Dekorateur, schlägt Hacken ein, wo es ihm gut dünkt - der Schaden wird vergipst - ein anderer legt Klingelleitungen oder Radio, so gut oder schlecht es eben gehen will.

Allerdings möchte ein guter Architekt für alles Vorsorge treffen: so gut er kann, - die Wenigsten verstehen genügend von den Spezialfächern, zu dem verlohnt es sich der Mühe kaum, da für jedes einzelne Haus die peinlich genaue Durcharbeitung von vorne begonnen werden müsste.
Das wird eine wesentliche Stärke des Typenhauses sein: Das gründlichste Kopfzerbrechen des Architekten und aller seiner Mitarbeiter wird sich lohnen. Die Erfahrung am immer wieder gleichen Objekt wird zu einer enorm präzisen Durcharbeitung der Wohnung, zur raffiniertesten Rationalisierung des Produktionsprozesses führen.
Die Normung aller einzelnen Teile und ihre Austauschbarkeit wird nicht nur die Erstellung, sondern vor allem auch die Erhaltung des Hauses verbilligen. Die Rücksicht auf die katastrophale Wohnungsnot wird dazu führen, dass auf spätere Erweiterung des Gebäudes (durch Anbau, Aufstockung, Wändeversetzen) derart in der Planung und Konstruktion des Hauses gerechnet wird, dass der spätere Ausbau nicht wesentlich teurer wird, wie wenn er zugleich mit dem Grundbau aufgeführt worden wäre.
So ist es selbstverständlich, dass ein katalogmässig bestellbares Haus zunächst auch ohne Badeeinrichtung, ohne Rolladen oder Doppelfenster, ohne Sonnensegel, ohne Telefon, ohne Radio gekauft werden kann; ja, es ist denkbar, dass sich die jungen Besitzer vorerst lieber ohne diese oder jene Tür behelfen wollen, dass ihr Bücherschrank vorerst keine Glastüre hat (das lässt sich mit der Zeit leicht ergänzen) aber sie werden die zunächst noch einfache, jedoch billige und praktische Wohnung lieber nehmen, als weiterhin in der leidigen möblierten Wohnung oder im Zimmer bei den Schwiegereltern auf die Hilfe des Wohnungsamts warten, - selbst auf die Gefahr hin, dass der neue Nachbar das gleiche, d.h. das ebenso praktische, ebenso saubere, ebenso billige, Haus hat, wie er selbst.
Vielleicht werden auf derartige Weise praktisch auch die oft geäusserten Bedenken hinfällig, dass die Typung eine starke Öffnung hervorrufen werde, die letzten Endes sich auch auf den Umsatz ungünstig auswirken müsse.
Im übrigen wollen wir reine Formfragen heute nicht näher untersuchen.
Wir wollen noch einige Momente, die beim Trockenmontageverfahren für die Verbilligung von Bedeutung sind, berühren. Die absolut passrechte Vorarbeit ermöglicht ein sehr schnelles Hochführen des Baus mitsamt allen Installationen und Einrichtungen durch eine Kolonne bestgeschulter Monteure bei völliger Unabhängigkeit von der Witterung, und es ist wohl zu bedenken, dass eine Ersparnis von einem halben Jahr oder mehr gegenüber dem handwerksmässigen Errichten eines Hauses gleichbedeutend mit dem gewinn von 6 oder 8 Monaten Mietzins ist.
Die Möglichkeit, den Preis für ein fertig eingerichtetes Haus auf Heller und Pfennig genau anzugeben und eine Lieferfrist mit Sicherheit zu garantieren, wird der industriellen Bauweise viele Freunde zuführen.

aus: "De Stijl" Nr. 85/86, 1928


Werner Graeff:

Über Formgebung

Ist von "Form" oder "Gestalt" die Rede, so meinen wir die gute Gestalt, die nützliche und schöne Form; Form im Gegensatz zum Ungeformten, Gestalt im Gegensatz zum Ungestalteten. Das Wort "Formgebung" bezeichnet einen gestaltenden Akt. Sein Ergebnis: die zugleich nützliche und schöne Form des Erzeugnisses.

Handwerkliche Formgebung ist fast so alt wie das Handwerk selbst. Doch ist unter Krügen derselben Epoche nicht jeder gleich gut geformt; denn zu keiner Zeit war etwa jeder beliebige tüchtige Handwerker zugleich auch schon guter Formgestalter. Immerhin blieb dem Handwerker früher im Allgemeinen mehr Freiheit, eine vorhandene gestalterische Begabung zu entfalten als heute, da die meisten Handwerker sich gezwungen sehen, nach fremden Anweisungen und Zeichnungen zu arbeiten. In gewissem Sinne sind, wie es scheint, gute Künstler (Maler, Bildhauer, Kunsthandwerker) fast die letzten Vertreter rein handwerklicher Gestaltung, deren Tätigkeit den selbständigen Entwurf, die freie Wahl des Materials, die Ausführung mit eigener Hand und den Verkehr mit dem Käufer oder Auftraggeber umfaßt.

Industrialisierung bedeutet Spezialisierung. Im Zeitalter der Spezialisierung konnte es nicht ausbleiben, daß neben die Spezialisten der industriellen Produktion (Konstrukteure, Fertigungstechniker, Betriebsingenieure) und neben die Spezialisten des Vertriebs (Marktforscher, Werbefachleute, Verkaufsleiter, Exportleiter) ein Spezialist der guten Form trat - der Formgestalter. Sein schwieriges Amt macht ihm die Zusammenarbeit sowohl mit Kaufleuten als mit Technikern zur Pflicht. Wie weit sein kaufmännisches und technisches Wissen reichen sollte, hängt von der Art des Produktes und von der Herstellungsweise ab - in jedem Fall muß er außerordentliche gestalterische Fähigkeiten besitzen. Das heißt: er muß Künstler sein.

Der industrielle Formgeber (industrial designer) kann freischaffend, als künstlerischer Berater mehrerer nicht-konkurrierender Firmen tätig sein, oder als Angestellter eines Werks. Der Angestellte hat den besseren Kontakt zum Betrieb; doch besteht die Gefahr, daß er erlahme. Der Freischaffende hat den besseren Überblick, die kühnere Konzeption; im Allgemeinen setzt er seine Ideen allein schon auf Grund der Tatsache, daß er außerhalb der Firmen-Hierarchie steht, besser durch. Manche großen Werke sehen die beste Lösung in der Zusammenarbeit ihrer angestellten mit freischaffenden Formgestaltern.

In gewissem Sinne ist jede gestaltende Tätigkeit "Formgebung" und jede gestaltende Tätigkeit, die ein Massenerzeugnis zum Ziele hat, "industrielle Formgebung". So fehlt es nicht an Stimmen, die sich gegen alle Versuche wenden, Grenzen zu ziehen oder bestimmte Gebiete auszuklammern. Das mag nun jeder halten, wie er will. Sicher ist, daß in der deutschen Praxis einmal unterschieden wird zwischen handwerklicher Formgebung (für das Einzelstück und die kleine Serie) und industrieller Formgebung (für das Mengenerzeugnis). Ob berechtigt oder nicht, so wird bei uns doch nicht jeder Entwurf für Mengenerzeugnisse zur industriellen Formgebung gerechnet; so zum Beispiel nicht die Entwürfe für die Konfektion, die Schuhindustrie, die Hutmacherei. Im Gegensatz zur angelsächsischen Praxis auch nicht die typografischen Entwürfe, keine Art Gebrauchsgrafik und selbstverständlich auch kein Ausstellungs- und Ladenbau.

Der deutsche Brauch, diese Gebiete auszuklammern, ist zweifellos dadurch begründet, daß die Berufe Architekt und Gebrauchsgrafiker bei uns seit langem fest umrissen sind. Im Falle der Bekleidungsindustrie mag eine gewisse Abneigung der meisten "ernsthaften" Gestalter gegen Modisches, Kurzlebiges überhaupt, mitgesprochen haben. Aus gleichem Grund (zudem aus der Abneigung gegen den Dekor) möchten bei uns manche selbst den alten Beruf des Textil- und Tapetenentwerfers nicht als zur industriellen Formgebung gehörig anerkennen. Konsequenterweise müßte man sagen: sind Tapetenentwerfer industrielle Formgeber, so auch die Gebrauchsgrafiker, zumindest die typografischen Entwerfer - oder eben überhaupt kein Entwerfer flächenhafter Dinge.
Bei der Vorbereitung des "Internationalen Kongresses für Formgebung" (Darmstadt und Berlin, 1957) hatten wir versucht, lediglich zur Klärung der Begriffe ein Schema des Gebietes Formgebung, wie es gegenwärtig in Deutschland verstanden wird, aufzustellen. Dies im vollen Bewußtsein, daß die angedeuteten Grenzen in Wahrheit flexibel sind. Es handelt sich um einen Notbehelf, um ein verbesserungswürdiges Modell:

aus: "Informationsschrift 2", Hrsg.: Rat für Formgebung, 1960

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