Internationale Verkehrszeichensprache

Werner Graeff:

Wir wollen nicht laenger Analphabeten sein
(Zum Problem einer Internationalen Verkehrszeichensprache)

Wir sind wieder zu Analphabeten geworden. In Holland, in Finnland, in der Tschechoslowakei, in Russland, Ungarn, Japan und Argentinien stehen wir hilflos wie Kinder auf den Bahnhöfen. Wir sehen eine Unzahl von wegweisenden, warnenden, erklärenden Schildern; aber lesen können wir sie nicht. Wir wollen nicht länger Analphabeten sein! Wir brauchen eine Internationale Verkehrszeichensprache. Für die wichtigsten Verkehrsbedürfnisse müssen eindeutige, klare Zeichen gefunden werden, die in allen Ländern gleiche Anwendungen finden.

Man hüte sich vor Symbolen! Man hüte sich vor Willkühr! Das eine führt zur Dekoration, das andere zu Unklarheit. Hier soll eine Sprache entwickelt werden. Eine eindeutige, klangvolle, ausbaufähige Sprache. Blosse Verabredung ist untauglich.

Also handelt es sich darum, den Sinn des Zeichens aus den optischen Elementen zu bilden, aus den eigentlichen Farb- und Formelementen. Die Elemente der Formen sind: Quadrat , Kreis und Dreieck . Diese sind untereinander nicht zu verwechseln; sie lassen in ihrer gedrungenen Form zugleich die Farben relativ am intensivsten hervortreten.

Unter den Farben sind nur Rot, Gelb und Blau, weiterhin die Neutralen Schwarz, Grau und Weiss absolut eindeutig, unverwechselbar. Alle Mischtöne sind für eine Verkehrszeichensprache auszuschalten.

Aus den Farb- und Formelementen ist die Verkehrszeichensprache exakt aufzubauen und zwar derart, dass die Elemente absolut funktionsgemäss Anwendung finden. Anders können wir wohl zum Stammeln, nie aber zu einer Sprache kommen.

Ich habe bereits vor einigen Jahren prinzipielle Vorschläge zur Lösung dieses Problems veröffentlicht, von der Aufstellung eines fertigen Systems aber stets abgesehen, und das mit gutem Grund; denn die Bildung dieser optischen Sprache kann unmöglich Aufgabe eines Einzelnen sein.

Unverständlich aber bleibt, wie immer wieder neue Verkehrszeichen festgesetzt werden (z. B. im Automobilverkehr), ohne dass auf die elementarsten Funktionen der Formen und Farben im geringsten Rücksicht genommen würde. Und nur selten findet man, dass instinktiv Richtiges getroffen wurde. Die Bildung der Zeichen sollte aber in jedem Fall wenigstens auf Wissen beruhen.

So ist es klar, dass ein <HALT>, das SPERREN, die RUHE, am besten durch ein quadratisches Grundschild verdeutlicht werden kann, während der hier fast stets angewandte Kreis der Bewegung entspricht. Und es ist ganz unverständlich, wie man in fast allen Ländern gerade für Warnungstafeln Blau wählen konnte. Blau geruhigt und wird daher leicht ganz übersehen (ich habe dies bei der Ausbildung von Autofahrschülern immer wieder bestätigt gefunden).

Gerade für Gefahrzeichen kann nur die aktivste aller Farben: das reinste Rot in Frage kommen. Sind für die wichtigsten Bedürfnisse, z. B. zunächst der Eisenbahnreisenden, allgemein gültige Zeichen gefunden und eingeführt (<Ausgang>, <Gepäckabfertigung>, <Fahrkartenverkauf>, <Wartesaal>) so wird die Uebertragung auch auf verwandte Gebiete mit starkem Verkehr selbstverständlich sein. Die klaren Farbzeichen sind bei gleicher Flächenausdehnung so viel schneller und eindeutiger zu erfassen als Worte, dass z. B. in Warenhäusern oder Theatern das Zeichen für <Wartesaal> ganz selbstverständlich auf den Erfrischungsraum übertragen werden wird, und in allen öffentlichen Gebäuden und Geschäftshäusern wird man es zweckmäßig finden, das Zeichen <Ausgang> einzuführen.

Die Aufgabe umfasst einen sehr weiten Komplex von Fragen. Hier sollten nur wenige Punkte angedeutet werden. Und doch ist die Lösung nicht schwierig, wenn wir nur über den einzigen Weg klar sind:

Jede Willkür beim Bilden von Verkehrszeichen ist auszuschalten. Die bisher herrschende Anarchie muss beseitigt werden. Wir fordern eine Sprache, die aus funktionsgemässer Anwendung der Elemente Eindeutigkeit und instinktives Erfassen garantiert.

Déc. 1927.

aus: "De Stijl", Nr. 79-84, 1927



Material zum Problem einer Internationalen Verkehrs-Zeichen-Sprache
Gouache auf Karton, 1923/1962



Texte Werner Graeffs zu diesem Thema

Verkehrs-Zeichensprache
   In: "Technische Rundschau" - Beilage der Deutschen Allgemeinen Zeitung,
   um 1923 (Diesen Artikel konnte ich nicht nachweisen. Es gibt meinen
   Recherchen zufolge keine Beilage der Deutschen Allgemeinen Zeitung (DAZ)
   diesen Titels und in Beilagen wie "Weltverkehr", "Kraft und Stoff"
   und anderen bin ich, wie auch in der DAZ selbst nicht fündig geworden.
Wir wollen nicht länger Analphabeten sein.
   In: "De Stijl" (Leiden), Jg. VII, Nr. 79-84, 1927
Das Weltsprachenproblem heute
   In: "Der Organisator" (Zürich), Jg. 33, Nr. 386, 1951

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